Die Schul-Vernetzer

Die digitale Lernplattform IServ war einst ein Schülerprojekt. Heute hilft sie Zehntausenden Klassen durch die Corona-Zeit

Marcel Wollscheid, 21.11.2020

Der Mittelstand im FOCUS

  • DIE FIRMA IServ
  • GRÜNDUNG 2001 in Braunschweig
  • UMSATZ 4 Millionen Euro (2019)
  • MITARBEITER etwa 100 (2020)
  • KUNDEN 4000 Schulen (v. a. in Niedersachsen)

Die besten Ideen entstehen manchmal aus Neugier. Ende der neunziger Jahre suchte der Zwölftklässler Jörg Ludwig an einem Gymnasium in Braunschweig nach einem Weg, um seinen Klassenkameraden kurze Nachrichten über das damals noch recht junge Internet zu schreiben. Seine Lehrer staunten, als ihnen der Schüler nach vielen Stunden im Computerraum schließlich die Lösung präsentierte. Er hatte einen Schulserver entwickelt, mit dem die ganze Klasse chatten und Dateien austauschen konnte. In einer Zeit lange vor WhatsApp und Teams kam das einer kleinen Sensation gleich. Beim Wettbewerb „Jugend forscht“ erreichte Ludwig 2001 den dritten Platz. Im selben Jahr gründete er eine Firma, um die Idee weiterzuentwickeln. „Mir ging es immer darum, Schule besser zu machen“, sagt der 37-Jährige im Rückblick.

Aus dem Schülerprojekt ist ein erfolgreiches Unternehmen geworden. IServ (kurz für Internetserver) heißt die digitale Lernplattform, die mittlerweile an 4000 deutschen Schulen zum Einsatz kommt und von mehr als zwei Millionen Schülern und Lehrern genutzt wird. Die gleichnamige Firma führt Ludwig mit seinem früheren Schulfreund Benjamin Heindl.

Das Kernprodukt von IServ ist eine Art virtuelles Klassenzimmer. Zu den wichtigsten Funktionen zählen ein digitaler Stundenplan, eine sichere Datencloud, Videokonferenzen und eigene E-Mail-Adressen für alle Schüler und Lehrkräfte.

Im Prinzip also alles, was in vielen Klassenzimmern bislang fehlte. Dass Schulleiter im ganzen Land nach den Schließungen im März plötzlich händeringend nach technischen Lösungen für den Online-Fernunterricht suchten, merkte auch Jörg Ludwig. „Corona hat der Schul-Digitalisierung einen großen Schub gegeben“, sagt der Firmengründer, der Steve Jobs als sein großes Vorbild bezeichnet. Seit dem Ausbruch der Pandemie sei die Zahl der Bestandskunden um 70 Prozent gestiegen, die Nachfrage habe sich vervielfacht. Der Umsatz dürfte sich in diesem Jahr auf etwa zehn Millionen Euro mehr als verdoppeln. Nach Firmenangaben kostet Schulen die Nutzung der Lernplattform im Schnitt jährlich etwa 400 Euro.

Weil auch im Winter aller Voraussicht nach viele Klassen wegen Corona-Fällen temporär wieder in den Fernunterricht wechseln müssen, rechnet Ludwig mit weiterem Wachstum – und zugleich mit mehr Wettbewerb. Schließlich konkurriert er nicht nur mit privatwirtschaftlichen Anbietern wie dem IT-Dienstleister AixConcept, sondern auch mit Landesregierungen, die nun eigene Lernplattformen entwickeln. Der Unternehmer hat dafür allerdings wenig Verständnis. „Die Politik hat die Digitalisierung jahrelang verschlafen. Dass sie nun viel Geld in unerprobte Projekte steckt, anstatt auf etablierte Lösungen zu setzen, ist nicht im Sinne der Schüler“, beklagt Ludwig. Man nimmt ihm ab, dass er das nicht nur aus Eigeninteresse sagt.

Gerade hat das Unternehmen provisorische Büroräume in der Braunschweiger Innenstadt bezogen. Ludwig sucht aber schon nach einem neuen, größeren Standort. Seine Firma, dessen ist er sich sicher, wird bald mehr Platz brauchen.